Historie

Die Geschichte der Turnbewegung in Deutschland ist noch viel älter als 100 Jahre. 1811 richtete Friedrich Ludwig Jahn auf der Hasenheide bei Berlin den ersten Turnplatz ein. Auf der Hasenheide gab es schon die heute noch bekannten Turngeräte Pferd, Ringe, Barren und Reck. Allerdings übte man nicht für sportliche Wettkämpfe, sondern eher für den Freiheitskampf gegen Napoleon, von Jahn wenig respektvoll als „Näppel“ bezeichnet. Auch mit der deutschen Obrigkeit hatten die Turner so ihre Probleme, was 1820 zu der „Turnsperre“ führte, mit der Turnen auf deutschem Boden verboten wurde, die erst 1842 in allen deutschen Regionen wieder aufgehoben wurde.

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam die Turnbewegung auch in das Siegerland. Turnlehrer aus dem Bonner Raum trugen wesentlich zur ihrer Verbreitung „siegaufwärts“ bei. 1846 wurde mit dem Siegener TV – der später in die heutige TSG Siegen aufging – der erste Turnverein im Siegerland gegründet. Der Siegener TV war auch der Heimatverein von Fritz Klein, der 1921 an den ersten deutschen Kunstturnmeisterschaften teilnahm, die in Leipzig ausgetragen wurden. Bis dahin hatte es schon sechs Weltmeisterschaften gegeben, an denen deutsche Turner aber nicht teilnehmen durften, da die Deutsche Turnerschaft (als Vorläufer des heutigen DTB) nicht Mitglied des Internationalen Turnverbandes war.

Fritz Klein erturnte sich 1921 in Leipzig den 3. Platz am Reck. Dafür musste er zwei Pflicht- und zwei Kürübungen absolvieren. Ein Start an einem einzelnen Gerät war möglich ohne am Mehrkampf teilgenommen zu haben.

1925 nahmen an den zweiten Deutschen Meisterschaften in Frankfurt/Main der Klafelder Gustav Irle und der Eichener Arnold Braun teil. Auch wenn ihre Erfolge von 1925 eher bescheiden waren – sie waren es aber wohl, die dafür sorgten, dass das Turnen an den Geräten zum Aushängeschild nicht nur ihrer Vereine, sondern auch des Siegerland Turngaues wurde. Gustav Irle war der Vater des späteren Nationalturners Friedhelm Irle und Urgroßvater von Lisa Brüggemann, vielfache deutsche Meisterin im Kunstturnen um die Jahrtausendwende.

In Eichen war es vor allem Alfred Stracke, der den Ruf des Turnerdorfes, das in den 30er Jahren deutschlandweit bekannt war, begründete. In diesen Jahren nahm das Gerätturnen im Siegerland einen enormen Aufschwung. Dafür sorgten vor allem die Vereine TV Klafeld, TV Geisweid und TV Eichen. Bekannte Namen aus dieser Zeit waren die Eichener Reinhold Stutte und Fritz Frisch, sowie der Klafelder Alfred Grüdelbach, die von 1934 bis in die 40-er Jahre zur deutschen Spitzenklasse gehörten.

Der TV Eichen hatte Ende der 30er Jahre eine der stärksten deutschen Vereinsriegen. Von 1937 bis 1939 turnten sie jeweils um die deutsche Vereinsmeisterschaft mit, mussten sich jedoch in der Vorrunde zweimal dem TSV Leuna und einmal dem TSV 1860 München geschlagen geben, die in diesen Jahren jeweils Deutscher Mannschaftsmeister wurden.

Interessant ist, dass in beiden Fällen Eichen und Klafeld-Geisweid, die Turnriegen durch die örtlichen Stahlwerke gefördert wurden, in Eichen zusätzlich noch durch die örtliche Brauerei

Alfred Grüdelbach, Fritz Frisch und Oswald Lorsbah, einem weiteren Eichener Turner aus der erfolgreichen Vorkriegs-Riege, waren es auch, die dem Kunstturnen im Siegerland nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Neubeginn verhalten.

Kurt Euteneuer (TV Eichen), der aus Neunkirchen stammte und bis 1951 für den dortigen Turnverein an die Geräte ging, war der erste Siegerländer Länderkampf- und Olympiateilnehmer. 1952 wurde er gegen Finnland eingesetzt. An den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki nahm er als Ersatzturner teil, kam aber leider nicht zum Einsatz. 1963 verstarb Kurt Euteneuer im Alter von nur 40 Jahren.

Noch erfolgreicher war Friedhelm Irle (TG Friesen Klafeld-Geisweid), der 1958 bei den Weltmeisterschaften mit der Mannschaft Platz 8 belegte und im Mehrkampf 44. Wurde. Der DTB setzte ihn in acht Länderkämpfen ein. Friedhelm Irle verstarb leider schon 1994 im Alter von nur 61 Jahren.

Werner Narres (TV Niederschelden) wurde 1957 Deutscher Juniorenmeister im Zwölfkampf. Lothar Simon (TG Friesen Klafeld-Geisweid) erturnte sich diesen Titel zwei Jahre später. Beide hatten ebenfalls Länderkampfeinsätze.

Eine Sonderstellung nimmt Horst Gaumann (TV Niederschelden) ein. Beim Deutschen Turnfest 1958 in München holte er sich die Krone als Turnfestsieger im Zehnkampf, bestehend aus je 5 Disziplinen an den Geräten und in der Leichtathletik. Dreimal hatte er bereits vorher diesen Titel im Zwöffkampf gewonnen – hierzu gehörte auch noch die „heimliche Turndisziplin“ Stabhochsprung. Der Bundespräsident verlieh im für seine Erfolge das „Silberne Lorbeerblatt“ verliehen. Als Trainer führte Horst Gaumann den bereits erwähnten Werner Narres zur Deutschen Meisterschaft im Zwölfkampf und Jürgen Uhr, dem wir die Aufarbeitung dieses historischen Rückblicks verdanken, zur zweifachen Deutschen Vizemeisterschaften in seinem Wettkampf, dem turnerischen Zehnkampf.

Alle oben genannten Turner hatten vielfache Einsätze in der Westfalenriege, hinzu kamen weitere noch heute bekannte Namen: die Brüder Willi und Ernst Nothacker aus Littfeld, Helmut Wiesel aus Eichen, Werner Wolzenburg aus Fellinghausen, Horst Diehl vom TV Dreis-Tiefenbach sowie di Brüder Fritz und Alfred Ritz aus Eichen.

Zum Jugend-Nationalkader gehörte Ende der 60er Jahre, gemeinsam mit den Gebrüdern Diehl – von denen Peter später im Siegerland heimisch wurde – und Eberhard Gienger, der Eiserner Dieter Eckhardt, der für den TV Salchendorf an die Geräte ging.

Die erfolgreichste Zeit in der Siegerländer Kunstturngeschichte jedoch waren die 70er Jahre. Verantwortliche dafür waren neben dem Organisator Helmut Schweisfurth (TVE Dreis-Tiefenbach) vor allem der aus dem Saarland ins Siegerland gekommene Trainer Horst Diehl.

Wolfgang Roth gehörte bereits als Jugendlicher zur nationalen Spitze und hatte mehrere Länderkampfeinsätze. Zur Mannschaft gehörten Hans-Günter Roth, Heinz- und Wolfgang Rohleder, Manfred Lehmann und Hans-Peter Kriening, der je einen A- und einen B-Länderkampf auf seiner Habenseite stehen hat (alle TVE Dreis-Tiefenbach).

Große Erfolge feierten auch die von Horst Diehl trainierten Schüler und Jugendlichen bei Norddeutschen und Deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Nach dem 2. Platz 1969 sicherte sich der TVE Dreis-Tiefenbach 1970 den Titel als Deutscher Jugendmannschaftsmeister. Zu den Mannschaften gehörten Hans-Peter Kriening, Manfred Lehmann, Rainer Eckhardt, Wolfgang Roth, Peter Brüggemann und Robert Braun.

 

Wieder ein Jahr später, im Jahr 1971, holten sich die Schüler des TVE Dreis-Tiefenbach den Titel eines Deutschen Mannschaftsmeisters. Heinz und Wolfgang Rohleder, Hans Günter Roth und Karl-Heinz Bergmann waren Mitglieder dieser Mannschaft.

 

Als Deutscher Jugendmeister am Barren machte Reinhard Dietze (TV Eichen) 1972 erstmals auf sich aufmerksam. Im Olympiajahr 1976 schlug dann die große Stunde des Eicheners. Neben dem Titel am Barren wurde er Dritter im Mehrkampf. Dies brachte ihm die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Montreal/Kanada ein, die er als Fünfter mit der Mannschaft 58. Im Mehrkampf beendete. Neben der EM-Teilnahme 1977 in Vilnius/Litauen und den WM-Teilnahmen 1978 in Straßburg/Frankreich und 1979 Fort Worth/USA stehen bei ihm noch 13 Länderkämpfe zu Buche. Damit ist er der bisher erfolgreichste Siegerländer Turner.

Nach dem abgeschlossenen Studium als Diplom-Sportlehrer war Reinhard Dietze für den Deutschen Olympischen Sportbund im Bundesausschuss-Leistungssport als Referent im Arbeitsfeld "Sportmedizin und Physiotherapie" tätig und lebte mit seiner Familie im hessischen Rodgau.

Nach dem Ende seiner Karriere blieb Reinhard Dietze seiner Sportart treu und nahm siegreich an zahlreichen Deutschen Turnfesten und Deutschen Seniorenmeisterschaften teil. Seit 1990 war er in seinen Disziplinen stets Turnfestsieger und seit 2000 fünfmal hintereinander Deutscher Seniorenmeister, zuletzt 2005 in Berlin. Daneben holte er für den TSV Dudenhofen einige Deutsche Meistertitel im Einradfahren.

Reinhard Dietze verstarb 2007 viel zu früh an den Folgen einer heimtückischen Krankheit im Alter von nur 52 Jahren.